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Andreas Henkel

Reading the river

(Fahrten an die Ränder der Wahrnehmung | Elbe 2020-22)

Reading the river ist entstanden im Laufe von etlichen Fahrten an ganz unterschiedliche Orte und Abschnitte des Flusses Elbe. Begonnen als narratives Experiment im Format eines Fotofilms, hat sich die Arbeit sehr bald zu einem Künstlerbuch-Projekt über die Metapher „Fluss“ an sich im Bedeutungsfeld von Bilder­fluss und Bewusstseinsstrom entwickelt. Ziel war dabei nie, zu doku­mentieren, bloße Ansichten oder Abbilder von Fluss und Flusslandschaft zu schaffen, sondern der von ihnen bisweilen ausgelösten magischen Wirkung einen fotografischen Ausdruck zu geben. In den mittlerweile zwei Jahren intensiver Beschäftigung haben sich dabei mehrere Perspektiv­änderungen ergeben, die auch zu ganz unterschiedlichen Formen der Darstellung geführt haben – sei es zu Bildsequenzen oder -tableaus, sei es zu Kompositionen, die aus Bildfragmenten zusammengefügt sind.

Bereits mit der ersten Teilarbeit: „Das Narrativ vom Zu-Fall“ ist die Wahrnehmungsproblematik und die Frage nach den Möglichkeiten wie den Beschränkungen der fotografischen Darstellung in den Fokus gerückt. Im Mittelpunkt des Interesses stand dabei vor allen Dingen die Frage: aus welchen offensichtlichen und aus welchen unentdeckten Einzelbildern kann sich ein Gesamt­eindruck zusammensetzen und welche Wechselbeziehungen arbeiten dabei eigentlich?

Kapitel 2: „Die Texturen der Zeit“ ist Ergebnis der Faszination des graphische Potentials von Oberflächenstrukturen, die in der Mehrzahl aus close-ups von Fotos entstanden sind, die vom Boot aus aufgenommen wurden. Diese fotografische Erkundung reflektiert darauf, dass Fotografie Bewegung zwar aus Prinzip nicht darstellen kann, eine durch Fokussierung und extreme Vergrößerung hergestellte Abstraktion der Wahrnehmung aber durchaus auch eine Dimension hinzufügen kann.

Ansatz 3: „Die weiße Leinwand des Fotografen“ stellt das Thema der Narration bei Bildsequenzen in den Mittelpunkt und arbeitet dabei mit der These, dass diese im (leeren) Raum zwischen den Bildern in Bewegung gesetzt wird. Ob Dechiffrierung ein zwingendes Element der Rezeption ist oder nicht und unabhängig davon wie eng man den Begriff der Narration fasst – sie nimmt ihren Anfang im Kopf des Künstlers, der eine Idee in Szene setzt und damit die Suche nach einem ‚missing link‘ provoziert.

Kapitel 4 resultiert aus der Einschätzung, dass sich die unablässige Veränderung wie die nicht fixierbare Komplexität des Flusses mit einer einfachen Momentaufnahme nicht annähernd greifen lässt. „Alle Flüsse, jeder Augenblick“ ist ein Experiment mit 96 Fragmenten vom Fluss, die aus zwölf am gleichen Ort und zur gleichen Zeit entstandenen Fotos mehr oder minder zufällig ausgewählt wurden. Damit wandelt sich Reading the river zu writing on water – dabei einem Diktum Gerhard Richters folgend, demzufolge ein Bild nur „stimmig und richtig“ werde, wenn es die „Arbeitsweise, also seine Proportionen, die Farbigkeit, die Strukturen, all die vielen Elemente, die sich zu einem Anblick zusammenfügen“, aufzeigt.

Kapitel 5: „unbewegte Bewegung“ schließlich ist von dem beinahe aberwitzigen Versuch geleitet, die nicht und niemals endende Bewegung, das Fließen des Flusses, mit Einzelbildern zu imaginieren. Einer Fotografie, der es gelingt Erinnerungen, Fantasien, innere Bilder zu beschwören und auf diese Weise etwas zu zeigen was eigentlich nicht zu sehen ist, so die These, hat sich vom Abbildcharakter letztendlich gelöst.