Martin Kesting | Seeing Things

Berlin. Schichten. Alles überlagert, alles nebeneinander. Die Weltzentrale des Bösen mutiert zur Hauptstadt der Libertären. In Berlin ist alles immer noch da und zeigt sich in Interferenzmustern.

Nachdem ich 2017 nach einem Jahr Freiheit zum Reisen, Schreiben und Fotografieren wieder in meinem Büro landete, überkam mich Frust. Ich machte aus der Not eine Tugend und benahm mich so, als ob meine Reise weiter ginge. Ich versuchte meine Umgebung neu zu sehen.

Manchmal machte ich aus Absicht lange Umwege, stieg in einer Gegend Berlins aus, die ich noch nicht kannte, lief und fotografierte. Und wenn ich bekannte Wege ging, versuchte ich die Wege anders zu sehen.

Und manchmal, wenn der Gott der Straßen Berlins mir gewogen war, sah ich seine Zeichen und Wunder, Altäre und Opfergaben.

Berlin. Layers. Everything superimposed, everything next to each other. The World Headquarter of Evil mutates into a Capital of the Libertarians. In Berlin everything is still there and shows up in interference patterns.

After I ended up back in my office in 2017 after a year of freedom to travel, write and take photos, I felt frustrated. I made a virtue of necessity and acted as if my journey were going on. I tried to see my surroundings in a new way.

Sometimes I made long detours on purpose, got out in an area of ​​Berlin that I didn’t know, walked and took photos. And when I walked familiar paths, I tried to see the paths differently.

And sometimes, when the God of the Streets of Berlin was kind to me, I saw his signs and wonders, altars and offerings.

Fleet“ 2020

Installation mit ausgegrabenen Bügeleisen / Installation with excavated irons

Ein Ort am Rand Berlins verfüllt mit dem was die Trümmerfrauen 1945 nicht gebrauchen konnten. Kurz unter der Oberfläche gibt es nur noch Rost und Glas. Das Suchen kann aus unterschiedlichen Gründen gefährlich werden. Die Schatzgräber wissen aber, ich suche nur nach Objekten für Installationen. Besonders Bügeleisen. Ich mag ihre Form. Manchmal finde ich einen kleinen Haufen davon für mich zurück gelassen am Rand von Grabungen. Die Bügeleisen sind alle im Umkreis von 300 m gefunden worden. Werkzeugreste und Plaketten lassen mich vermuten dass sie aus dem ehemaligen „Exportviertel“ (Ritterstraße) oder dem „Zeitungsviertel“ (Friedrichsstraße) stammen. Der Nordwesten Kreuzbergs wurde am 3.2.1945 von alliierten Bombern fast komplett dem Erdboden gleich gemacht. Es war einer der schwersten Luftangriffe auf Berlin.

A place on the outskirts of Berlin filled with what the Trümmerfrauen couldn’t use in 1945. Just below the surface there is only rust and glass. Searching can be dangerous for a variety of reasons. But the treasure hunters know that I’m only looking for objects for installations. Especially irons. I like their shape. Sometimes I find a small pile of them left for me at the edge of digs. The irons have all been found within 300 meters. Remnants of tools and badges make me suspect that they come from the former Exportviertel (Ritterstraße) or the Zeitungsviertel (Friedrichsstraße). The northwest of Kreuzberg was almost completely razed to the ground by Allied bombers on February 3, 1945. It was one of the heaviest air raids on Berlin.

Martin Kesting lebt und arbeitet in Berlin Neukölln. In seinen Skulpturen und Installationen verbinden sich gefundene Objekte und von den Elementen geformte Materialien mit Fotografien und manchmal auch Texten. Ihn interessieren Vergänglichkeit, Zwischenzustände, Spuren und Strukturen. Seit einigen Jahren arbeitet er an einer Berliner Langzeitserie u.a. mit ausgegrabenem Bombenschutt. Er stellt seit 2014 aus, veröffentlicht Fotos in Magazinen und ist Mitglied der Berliner Künstlergruppe tunnel 19.

Martin Kesting lives and works in Berlin Neukölln. In his sculptures and installations, found objects and materials formed by the elements are often combined with photographs and text. He is interested in transience, intermediate states, traces and structures. For several years he has worked on a long term series about Berlin in which he uses, among other things, excavated WWII bomb debris. He exhibits since 2014, publishes photographs in magazines and is a member of the Berlin artist group tunnel 19.

www.mar-kes.de